Welpen groß ziehen - kann doch jeder! Oder? Teil 1

  • Bettina Alfaro
  • 20.02.2022
  • Welpen

Steigende Erwartungen, gefördert durch Landeshundegesetze, Fernsehsendungen und Bücher scheinen das gross ziehen von Welpen jedes Jahr schwieriger zu machen. Mit 10 Wochen muss sich der Welpe schon wie ein perfekter kleiner Hund verhalten. Das erinnert mich an Fotos aus Urgroßmutters Zeiten, auf denen kleine Menschen in schicken Anzügen und steifen Kleidchen zu sehen sind, Kinder, die aussehen wie verkleidete Erwachsene, und die - wenn man Oma so glauben darf - auch so behandelt wurden. Mit Welpen heutzutage scheint es ähnlich zu gehen, die Karriere zum Agility Champion/Schulhund/Jagdbegleiter ist oft schon geplant, bevor der Welpe überhaupt eingezogen ist. 

Dann zieht das kleine Fellbündel ein, und man steht erstmal unter Ocytocin - hat man doch den besten, schlauesten, putzigsten und tollsten Welpen aller Zeiten. Relativ schnell, meist innerhalb von 4 Wochen kommt dann die erste Panik auf; der Knirps wird nicht sauber, gräbt seine messerscharfen Zähne überall hinein und ein Schulhund wird aus diesem kleinen Monster niemals nie! Was nun?

Meist folgt dann der Versuch, dem Welpen jetzt hier und sofort alles beizubringen, was einem nur so einfällt. Sitzen kann er natürlich schon, aber er muss sich auf seinen Platz schicken lassen und da bleiben, an der lockeren Leine gehen, einen perfekten Rückruf beherrschen, Manieren um den Futternapf haben, Besucher mögen, aber nicht nerven, stets nett und freundlich zu jedem Artgenossen sein, sich beim reinkommen die Pfoten abwischen und möglichst auch noch spezifische Fähigkeiten im Hinblick auf die Zukunftspläne trainieren. Uff. 

Idealerweise setzt an dieser Stelle der Realismus ein, denn so viel kann kein Mensch trainieren/Welpe auf einmal lernen: Ich brauche also einen Plan! Davon ausgehend, dass wir hier vom Welpen im Alter von 2 bis 6 Monaten reden, wären dies meine drei Wünsche für die gute Fee:

1. Gesundes und stabiles Verhalten, mentale Gesundheit

2. Manieren für den Alltag

3. Grundlagen für spätere Karriere (im sozialen Bereich, Jagdeinsatz, Hundesport, etc.)


Wie kann also ein konkreter Plan für die Aufzucht eines Welpen aussehen?

Im Englischen leicht zu merken, kommen als erstes die drei R's: Beziehung (Relationship), Verstärker (Reinforcer), Regeln (Rules). Ohne diese wichtigen Grundlagen brauche ich keine Verhalten im Sinne von Sitz, Platz, Fuss zu trainieren - zum einen fehlt mir ein klares Kommunikationssystem, zum anderen werden sie im Alltag nicht standhalten, das Training bleibt also weitgehend dem Zufall überlassen. Am Ende "kann er das zuhause" - aber zuverlässiges Verhalten, vielleicht sogar selbständig und ohne ständiges Gängeln und Flehen von meiner Seite: Fehlanzeige. Schauen wir uns die drei Pfeiler doch mal näher an:


Beziehung

Zunächst einmal möchte ich für meinen Welpen wichtig sein. Ich bin Teil seines Alltags, ich verwalte all die guten Dinge, ich bin sein Sozialpartner; dementsprechend möchte ich für ihn relevant sein. Mit und ohne externe Belohnungen. 

Ich garantiere Sicherheit. Ich passe auf meinen Welpen auf, überfordert ihn nicht, gebe Backup, entdecke mit ihm zusammen die Wellt. Wenn er unsicher oder gar ängstlich ist, dann soll er sich mir zuwenden Ich bin da. 

Ich bin Spaß für meinen Welpen. Ich spiele mit ihm, ich beschäftige mich mit ihm, mit mir zusammen sein ist interessant und lustig. Ich bin keine 24-Stunden anhaltende Party, aber mein Welpe ist gerne mit mir zusammen.

Ich bin außerdem klar und berechenbar. meine Grenzen ändern sich nicht ständig, Regeln sind eindeutig definiert, wir haben Rituale, auf die man sich verlassen kann. Und auch wenn ich emotionalen Schwankungen unterliege, wie jedes andere Lebewesen auch - was übrigens auch für meinen Welpen gilt - bleibe ich immer fair und berechenbar. 


Verstärker/Belohnung

Verstärker sind quasi meine Superkräfte als Trainer! Mit ihnen kann ich Verhalten fördern und formen. Wenn manche altbackenen Trainer stolz verkünden, sie arbeiten nicht mit Belohnungen, der Hund muss schließlich tun was sie wollen, weil sie das so wollen, müsste ich lachen - wenn es nicht so traurig wäre. Was hier so stolz vorgetragen wird ist das Geständnis, mit Angst, Unwohlsein, Druck, Stress und teilweise Gewalt zu arbeiten. Auch wenn man von Lerntheorie keine Ahnung hat, ist diese nämlich am Werk. Und wenn ich nicht fördere und fordere, dann muss ich unterdrücken und verhindern. Mal abgesehen davon, das man heutzutage weiß, dass Lernen unter Stress schwieriger bis unmöglich ist (deswegen hauen wir den Kindern auch nicht mehr mit dem Lineal auf die Finger wenn sie vortragen dass 2 + 2 = 5 ist), dann widerspricht es meiner Idee von Beziehung mit dem Hund. Siehe vorangegangener Absatz. Streichen wir also.

Was kann ich also als Belohnung nutzen?

Futter - fressen muss der Hund sowieso, wer sagt sein Hund arbeitet nicht für Futter kann an dieser These höchstens 5 Tage festhalten. Dann wäre der Hund ja verhungert. Hab ich aber noch nie gehört. 

Spiel/Spielzeug - Welpen sind meist begeisterte Spieler, mit Objekten, mit dem Sozialpartner, untereinander. Letzteres hilft mir nur in wenigen Fällen, aber ersteres kann ich kultivieren und so auch ins Erwachsenenleben hinein tragen. 

Funktionale Belohnungen - ein schickes Wort für Umweltbelohnungen. Der Welpe kann die Tür nicht öffnen, nicht Auto fahren, sich Zugang zu Dingen verschaffen oder seine Umwelt in dem Maße beeinflussen (Abstand zu beängstigenden Dingen schaffen, etc), wie ich als Mensch das kann. 

Im Welpenalter beobachte ich nicht nur was mein Welpe von Natur aus toll findet, manche Dinge entwickle ich auch gezielt; Futtersuchspiele, Rituale für gemeinsames Spiel, Strukturen, die ihm Sicherheit geben. Und weil ich schon mal dabei bin, benenne ich diese auch gleich, so dass ich sie mit positiven Gefühlen verknüpft und abrufbar habe. Das nennt man einen sekundären Verstärker oder ein Markersystem; ich markiere Moment, die mir gefallen. Und je nachdem wie aufgefeilt mein Markersystem ist, weiss der Welpe auch gleich ob besagter Marker ein Verhalten auflöst, wo die Belohnung auftaucht und vielleicht sogar was als Belohnung kommt. Klarheit schafft Sicherheit!

Zum Beispiel weiss mein Welpe, dass nach dem Marker "Yes" die Futterbelohnung in seinem Maul landet, er sich also nicht bewegen muss und die Übung auch nicht zwingend aufgelöst ist, während ein "Such" gefolgt von einem fliegenden Keks besagt, dass mein Hund diesen jetzt jagen kann, und daher logischerweise auch seine Position verlassen darf. 


Regeln

Meine Regeln sind klar und für den Welpen berechenbar. Ich muss auch nicht ständig korrigieren und nörgeln; ich manage das Verhalten meines Welpen. Boxen, Gitter, geschlossene Türen, Aufsicht - was immer nötig ist, damit mein Welpe unerwünschte Verhalten gar nicht erst zeigen kann. Dies orientiert sich natürlich immer am Alter und dem Entwicklungsstand des betreffenden Welpen, ich habe aber immer im Blick, was ich auch beim erwachsenen Hund sehen möchte, oder eben nicht. Vielleicht lockere ich die Regeln mit der Zeit, wenn der heranwachsende Hund eine Idee hat, wie ich mir unser Zusammenleben vorstelle, und er schon mehrfach unter Aufsicht gezeigt hat, dass ich ihm vertrauen kann (nichts anzukauen, oder nicht in die Wohnung zu machen, oder meine erwachsenen Hunde zu nerven, oder was auch immer). Management tut unserer Beziehung gut: statt mich als Hindernis in Bezug auf all den tollen Sachen zu sehen, freut er sich, dass ich es ihm ermögliche, mit seinem Kuscheltier und etwas zu kauen im Welpenauslauf zu liegen und dort von Fremden nicht belästigt zu werden. 


Das ist quasi der Kindergarten in meiner Erziehung während der ersten Wochen, die der Welpe bei mir ist.

Im nächsten Teil sprechen wir über die ersten Verhalten, die ich meinem Welpen beibringe: Grundlagen für Fokus und Rückruf, und verschiedene Trainingsmethoden wir freies Formen, Locken und Targettraining. 

Im dritten und letzten Teil geht es dann um Ruheübungen/Zen Arbeit, sowie Handling und Grooming, also den Umgang mit meinem Hund im Alltag, zu Hause, bei Tierarzt oder unter besonderen Umständen. 







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